Versus Goliath

Endzeitszenarien wurden in der Kunst schon oft kreiert, ein prominentes Beispiel ist da die gute alte Apokalypse die mit dem jüngsten Gericht einhergeht, und mit diviner Intervention endgültig bestimmt wer im Jenseits weiterleben darf, und wer in der Hölle endlose Qualen durchleiden soll.

Versus GoliathDas Konzept des Endes aller Zeit und Zivilisation ist so alt wie Zivilisationen selbst, nach Ansicht antiker Ureinwohner Mittelamerikas ist der Untergang schon beinahe sieben Jahre überfällig. Aber sie dreht sich doch noch, unsere Erde. Immer weiter. Trotz uns.

Mit der Schwerindustrie wurden die Endzeitfantasien komplexer. Parameter wie Nahrungsknappheit, Umweltverschmutzung, Bevölkerungsexplosion, Seuchen, Kriege, die Entstehung von Megacities, und der Anspruch eines jeden Individuums auf ein gutes Leben kamen ins Bild. Die Motive und Bilder mit denen man eine kalte Vision der Entmenschlichung angesichts technischen Fortschritts zeichnen kann, wuchsen mit den beiden Weltkriegen noch einmal rapide an. Sie stellten der Weltgemeinschaft absurd verheerende Bomben, und das Konzept einer systematischen Vernichtung ganzer Volksgruppen nach industriellem Vorbild vor. Mit der digitalen Verlagerung der Industrie wurden weitere Bedrohungen kreiert: künstliche Intelligenzen, die in ihrer emotionslosen Algorhythmik das Potenzial zur Versklavung der Menschheit haben, oder die Milliarden Globalisierungsverlierer weltweit, die zunehmend aggressiv werden, und einen Teil des Kuchens einfordern der das ancieme regime so schön fett und reich gemacht hat. Und die Erde keucht auch endlich auf dem letzten Loch...

Der Mensch ist ein Tier. Und wie im Tierreich gibt es unter den Menschen Jäger und Gejagte. Nur dass wir Menschen allein die Gabe haben, dieses Verhältnis ins extremste Ungleichgewicht zu pervertieren: als einzige Spezies haben wir Ausbeuter und Sklaven, Generäle und Soldaten, Junkies und Dealer, Amokläufer und Fanatiker, Konsumenten und Produzenten, Täter und Opfer. Und Künstler. Selbstgewählte Eremiten, die sich diesem kollektiven Wahnsinn zu entziehen, von außen zuschauen, und zu kanalisieren versuchen. Songwriter Florian Mäteling aus München ist so einer. Seit zwei Jahren vergräbt er sich im eigenen Studio, und macht seiner Vision Luft. Dabei malt er mal in groben, mal in manisch detailierten Pinselstrichen eine klaustrophobische Szenerie. Dafür bedient er sich großzügig einer Farbpalette zwischen Schwarz und Grau. Es entstanden unzählige Demos, die immer wieder verfeinert oder verworfen wurden. Es folgten Phasen der Mattheit und der Zweifel, die ihn an den Rand des Aufgebens getrieben haben, aber nun hat er den Kampf gegen Goliath wieder aufgenommen. Ob Mäteling nun wie der biblische David einem Goliath im Kampf entgegen tritt, ist unerheblich.

Tatsache ist aber, dass er uns am 15.11.2019 "Friss oder Stirb" als erste Single aus seiner 2020 erscheinenden EP entgegenschleudert. Und die trifft einen wie ein Stein ins Gesicht.

Den krächzenden Sprechgesang möchte man nicht wirklich Rap nennen, er ist vielmehr ein Stilmittel um eine kühle Inhumanität zu zeichnen. Im Grunde ist Versus Goliath näher an Industrial-Größen wie Ministry oder Nine Inch Nails, als denn an einem Rapper der seine Perle zum Candy Shop entführt. In Mätelings Welt gibt es kein Candy, nur eine metallisch schmeckende Suppe aus Nullen und Einsen. Aber die muss man fressen, will man nicht sterben. Gerade in diesen Zeiten aus großflächig inszenierter Individualität stellt uns Versus Goliath eine Welt vor in der es keine Individuen gibt, lediglich systematisch vorgezeichnete Existenzen die in ihren Rollen zu bleiben haben. Diese extrem fragile Ordnung, immer am Rande des Kollaps, ist die Ausgangssituation seiner düsteren Songs.

Momo oder Mad Max kommen einem in den Sinn, aber im Grunde liefert die Realität inzwischen genug Beispiele die solche Utopien beinahe unnötig erscheinen lassen.

Nun geht es also los, und Florian Mäteling hat sich durch die Untiefen sowohl der eigenen Psyche, als auch einer extrem entmutigenden Nachrichtenlage gekämpft, alles zugelassen, und in seine Kunst einfließen lassen. Das Ergebnis ist fein durchdachtes Sounddesign das im Ausdruck eine große Palette abdeckt, aber immer aus einem Guss klingt. Versus Goliath, das ist Du gegen Die, Die gegen Uns, oder einfach Alle gegen Alle. Versöhnlich, hoffnungsvoll, das alles ist "Friss oder Stirb" nicht, aber es ist ein ansteckender, wunderbar abgefuckter Soundtrack für den nächtlichen Spaziergang in der kalten Stahlbetonwüste, die geballte Faust in der Tasche.

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